Machen Sie den Bücher-Check!

24 Mar 2017 - 08:14 | Version 8 |

Auch wenn digitale Medien nicht 1:1 mit Büchern vergleichbar sind, so lohnt es sich doch, gewisse Argumente mit Büchern statt mit Computer und Internet durchzudenken:

Ist das mit Büchern nicht ähnlich?
  • Machen Bücher weniger einsam und dick als Computer und Internet?
  • Geben Bücher nicht genau so nur eine medial vermittelte Wirklichkeit wieder, wie dies Computern und Internet vorgeworfen wird?
  • ...

Dieser Vergleich mit Büchern macht die entsprechenden Argumente nicht haltlos. Aber er zeigt, dass man die Argumente differenzierter anschauen muss, als dies oft getan wird.

Das Bücher-Argument liesse sich auch zuspitzen zu folgender Formulierung:

Bücher sind noch viel schlimmer als digitale Medien: Da fehlt neben dem haptischen auch noch der auditorische Kanal und auch visuell ist ein Buch nur ein verkrüppeltes Tablet: Die Bilder (so es überhaupt es überhaupt welche hat) bewegen sich nicht mal!

Bücher in der Schule einzusetzen ist sensorische Deprivation und grenzt an Kinderquälerei und sollte verboten werden. Irgendwann wird die Zeit kommen, wo Lehrmittelverlage zur Verantwortung gezogen werden.

Übrigens:

Der Büchercheck ist ein altes Denkmodell. Immer wieder wird der Vergleich mit Büchern als neu dargestellt. Das ist er aber beileibe nicht, sondern hat eine lange Tradition mit vielen zuweilen recht lustigen Ausprägungen: Grosse Verbreitung fand der Bücher-Vergleich von Steven Johnson (Biblionetz:p00612) in seinem Buch Everything Bad is Good for You (Biblionetz:b02318):

Reading books chronically under stimulates the senses. Unlike the longstanding tradition of gameplaying – which engages the child in a vivid, three-dimensional world filled with moving images and musical soundscapes, navigated and controlled with complex muscular movements – books are simply a barren string of words on the page. Only a small portion of the brain devoted to processing written language is activated during reading, while games engage the full range of the sensory and motor cortices.

Books are also tragically isolating. While games have for many years engaged the young in complex social relationships with their peers, building and exploring worlds together, books force the child to sequester him or herself in a quiet space, shut off from interaction with other children. These new “libraries” that have arisen in recent years to facilitate reading activities are a frightening sight: dozens of young children normally so vivacious and socially interactive sitting alone in cubicles, reading silently, oblivious to their peers.

Many children enjoy reading books, of course, and no doubt some of the flights of fancy conveyed by reading have their escapist merits. Bur for a sizable percentage of the population books are downright discriminatory. The reading craze of recent years cruelly taunts the 10 million Americans who suffer from dyslexia – a condition that didn’t even exist as a condition until the printed word came along to stigmatize sufferers.

But perhaps the most dangerous property of books is the fact that they follow a fixed linear path. You can’t control their narratives in any fashion – you simply sit back and have the story dictated to you. For those of us raised on interactive narratives, this property may seem astonishing. Why would anyone want to embark on an adventure utterly choreographed by another person? But today’s generation embarks on such adventures millions of times a day. This risks instilling a general passivity in our children, making them feel as though they’re powerless to change their circumstances. Reading is not an active participatory process; it’s a submissive one. The book readers of the younger generation are learning to “follow the plot” instead of learning to lead.

Lesesucht: Jedes neue Medium wird kritisiert

Als das Aufgeschriebene mit der Massenproduktion von Büchern und der Alphabetisierung der Bevölkerung im 18. Jahrhundert schließlich ein breites Lesepublikum fand (vor allem unter den auf die häusliche Rolle festgelegten Mädchen und Frauen), so wurde intensiv über die Risiken und Gefahren der neuen „Lesesucht“ diskutiert: Sie mache träge, führe zur Vernachlässigung von Haushalt und Kindererziehung, begünstige durch die romantischen und erotischen Inhalte der Belletristik gar Realitätsverlust und Sittenverfall, wenn nicht Suizid (Barth 2002; Künast 2013).

Während Pädagogen noch vor rund 150 Jahren versuchten, Jugendliche davon abzuhalten, Flauberts „Madame Bovary“ oder „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe zu lesen, gehören diese Werke inzwischen zum Schulstoff. Das Buch wird heute als Kulturmedium schlechthin gefeiert, auch wenn es – wie in den beiden genannten Beispielen – sympathisierend Ehebruch oder Selbsttötung der Protagonisten darstellt.

Es lohnt sich, aktuelle Internetkritik auch aus einem historischen Blickwinkel zu betrachten, denn die Hauptargumente, die gegen ein jeweils neu sich etablierendes Medium vorgebracht werden, ähneln sich über die Jahrhunderte hinweg verblüffend stark. Doch mit dem Verweis auf die Buchkritik ist die Internetkritik natürlich ebenso wenig entkräftet wie mit anekdotischen Beispielen, die aus dem jeweils subjektiven Erleben der Betroffenen Vorzüge oder Nachteile des Internet illustrieren.

Quelle: Nicola Döring (2014): Psychische Folgen der Internetnutzung PDF-Dokument (Biblionetz:t19438)

Quellen

-- BeatDoebeli - 07 Feb 2013

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